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Wochenspruch


Trauerarbeit

aus

Spiegel-Online

3. Januar 2015, 20:24 Uhr

Tod eines Schülers - "Ich hielt den Schmerz kaum aus"


Ich weiß immer, was zu tun ist - das dachte Lehrer Arne Ulbricht bisher. Dann starb plötzlich einer seiner Schüler, und er fragte sich: Was nun?
Einer meiner Schüler soll einen Autounfall gehabt haben. Ein beneidenswert bescheidener, witziger und lebensbejahender Schüler, äußerst beliebt. Er sei tot, sagte mein Kollege.
Ich saß gerade mit den anderen Lehrern meiner Schule in der Konferenz, am nächsten Tag sollte nach sechs Wochen Sommerferien der Unterricht wieder beginnen. Völlig verzweifelt verließ ich die Sitzung und rief einen meiner Schüler an. Er bestätigte das Gerücht. Ich fragte ihn, ob er Hilfe brauche. Nein, sagte er.
Und ich? Ich stand mit dieser Information in einem leeren Gang und hielt den Schmerz kaum aus. Wie überwältigend muss erst die Trauer der Eltern sein, der Freundin und der Mitschüler?, fragte ich mich. Und was mache ich nun? Schließlich bin ich der Klassenlehrer. Als Lehrer erlebe ich ständig neue Situationen, die manchmal unbequem sind. Aber eine solche Situation ist nicht nur neu und unbequem, eine solche Situation ist der "worst case". So etwas passiert in der Regel jedoch nur den anderen.
Noch am gleichen Tag informierte ich alle Kollegen, die in der Klasse unterrichten, anschließend ging ich zur Direktorin. Auf dem Weg zu ihr schossen mir tausend Fragen durch den Kopf. Oder war es nur eine Frage, die dafür tausendmal? Die Frage, auf die ich keine Antwort wusste: Was mache ich, der Klassenlehrer, mit der Klasse am folgenden Tag?
Meine Direktorin kontaktierte die Berufsschulpfarrerin, und zu dritt entschieden wir, dass die Pfarrerin und ich am folgenden Tag gemeinsam unterrichten würden. Sie wollte die Gestaltung der Stunden übernehmen, ich selbst wollte die Klasse zumindest begrüßen und sie über den Tod informieren. Und nach der ersten Doppelstunde wollte ich die Schüler zu einem Spaziergang einladen.
An dem Abend zuvor las ich die Informationen, die mir ein Verein zur Trauerbegleitung geschickt hatte. Dort standen viele Tipps, die selbstverständlich sind, zum Beispiel, dass in einer solchen Situation Gefühle gezeigt werden dürften. Ich wäre aber von selbst nicht darauf gekommen, Taschentücher einzustecken.
Den Rest des Abends dachte ich an meinen Schüler. 24 Stunden zuvor hatte er noch gelebt. Vermutlich hätte er darauf gewettet, er würde bald sein Abitur machen. Selten hat mich ein Todesfall derart betroffen gemacht. Dabei war ich doch nur sein Klassenlehrer gewesen. Aber ist das nicht vielleicht sogar eine ganze Menge?
Am nächsten Morgen betraten einige Schüler weinend den Klassenraum. Nachdem ich sie begrüßt und Taschentücher verteilt hatte, übernahm die Pfarrerin. Nach einer Weile sagten einige Schüler, was sie gerade dachten. Viele schwiegen aber auch. Nach der großen Pause löste sich die Stimmung. Auf den Spaziergang kamen fast alle mit. Wir redeten über die Ferien. Irgendwann setzten wir uns an einen See in die Sonne, wir lachten ein wenig. Und ich dachte: So nah war ich der Klasse noch nie.
In jenen Tagen habe ich viel gelernt. Zum Beispiel, wie sehr die gemeinsame Trauer ein Kollegium zusammenschweißt. (Mir haben so viele Kollegen Hilfe angeboten, dass ich ganz verwirrt war.)
Und ich habe lernen müssen, dass ich keineswegs der total professionelle Lehrer bin, der immer weiß, was zu tun ist. Der keine Hilfe braucht. Vor dem Tod des Schülers hätte ich nie damit gerechnet, dass ich Beistand auch nur akzeptieren würde. Letztendlich habe ich der Pfarrerin zu verdanken, dass ich den Dienstag, an dem er starb, und den Mittwoch, an dem ich zum ersten Mal die Klasse wiedersah, überstanden habe.
Vor allem habe ich gelernt, dass ein Klassenverband wie eine Familie ist: Man mag sich nicht immer. Oft streitet man sich sogar. Aber in einer Ausnahmesituation hält man nicht nur zusammen, sondern man wird zu einer Einheit, die gemeinsam das Unerträgliche aushält und am Ende gestärkt aus einem solchen Albtraum hervorgeht.
Für mich ist seit jenen Tagen der Klassenverband mehr denn je der Kern des gesamten Bildungssystems.

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